Rhythmus des Lebens



In jeder Körperzelle tickt eine eigene Uhr und jede hat ihren eigenen Takt. Sie alle müssen auf einen 24-Stunden-Rhythmus koordiniert werden. Seit Jahrmillionen bestimmt der Wechsel von Tag und Nacht unsere biologische Uhr. Dieser Tag-Nacht- Rhythmus synchronisiert unsere innere Uhr auf die Umwelt, denn der circadiane Tagesrhythmus ist genetisch fixiert, also in unseren Erbanlagen festgelegt. Drei Gene wurden bislang gefunden, die die Körperfunktionen zeitlich ordnen. Die inneren Uhren ticken von Mensch zu Mensch leicht unterschiedlich und bestimmen individuell deren Alltag. Am frühen Morgen könnte der Unterschied nicht größer sein. Während der eine schon bei den ersten Sonnenstrahlen hurtig sein Bett verlässt, um vor Vitalität strotzend den neuen Tag zu begrüßen, graut dem anderen ob solcher Aktivität, und er trollt sich zur Seite, um genüsslich noch eine Runde zu schlafen. Der

Unterschied liegt nicht im «Fleiß» oder der «Faulheit», sondern ausschließlich in den Genen, die unseren Biorhythmus vorgeben. Bei den sogenannten «Langschläfern» beginnt der Tagesrhythmus einfach etwas später. Daran können sie wenig verändern, denn alles verläuft nach einem inneren, genetisch festgelegten Zeitprogramm. Obgleich Menschen sich chronobiologisch voneinander unterscheiden, liegt die Abweichung, auch in extremsten Fällen, bei nur um die 20 Prozent (d.h. ca. plus/minus 2,5 Stunden). Daher lassen sich durchaus allgemein gültige Schlüsse über den 24- Stunden-Rhythmus anstellen.

6 Uhr

Das Herz schlägt schneller und der Organismus startet durch.

7 - 9 Uhr

Gipfelsturm unserer Hormone. Allen Arbeitsregeln zum Trotz: die beste Zeit für sexuelle Aktivität

8 - 10 Uhr

Niedriger Schmerzpegel, daher die ideale Zeit für schmerzhafte Eingriffe und Zahnarztbesuche.

10 - 12 Uhr



Topfit und hellwach. Knifflige Denkprozesse fallen leicht. Daher die ideale Zeitspanne für Geschäftstermine und Prüfungen. Auch unser Kurzzeitgedächtnis arbeitet hervorragend.

13 - 14 Uhr

Das Mittagstief. Das wäre die Zeit, uns ein wenig auszuruhen — und ein Nickerchen von io bis 30 Minuten am gesündesten.

15 - 16 Uhr

Neuer geistiger und körperlicher Aufschwung. Idealer Zeitpunkt für die Lernphase, denn das Langzeitgedächtnis speichert jetzt am besten. Das Schmerzempfinden erreicht allerdings seinen absoluten Tiefstand. Der Zahnarzt kann warten!

17 - 18 Uhr

Das zweite Hoch. Die manuelle Geschicklichkeit ist am Gipfelpunkt angelangt.

18 - 21 Uhr

Zeit zur Erholung und Entspannung. Unsere Sinne wie Geruch und Geschmack sind geschärft

21 Uhr

Der Magen begibt sich zur Ruhe und die sollte man ihm auch gönnen!

23 Uhr

Zeit, um ins Bett zu gehen. Andererseits — und hier scheiden sich die «Geister»:

23 - 1 Uhr

Das absolute Kreativitäts-Hoch. Wer jetzt aktiv ist, kann mit dem «Stoff, aus dem die Träume sind» denken, erfinden, schreiben, komponieren

1 Uhr

Die Traumzeit

2 - 4 Uhr

Alle Systeme stoppen, nur Haut und Leber arbeiten auf Hochtouren. Der Tiefpunkt und die intensivste Schlafphase, aber gleichzeitig der Wendepunkt

5 Uhr

Die Nierentätigkeit ist auf ihrem Tiefpunkt angelangt

Die Genuhr zählt 25 Stunden



Versuche des Max-Planck-Institutes für Verhaltensphysiologie brachten erstaunliche Ergebnisse zu Tage. Freiwillige begaben sich in unterirdische Isolierkammern fernab jeder zeitlichen Wahrnehmung und ohne Kommunikationsmittel, die eine Verbindung zur Außenwelt ermöglicht hätten.

Während dieser vierwöchigen Testdauer wurden regelmäßig Schwankungen der Körpertemperatur, der Einschlafzeiten und des allgemeinen Befindens aufgezeichnet. Die Ergebnisse überraschten: Der circadiane Rhythmus der Versuchspersonen verlängerte sich auf etwas mehr als 25 Stunden. Der exakte Grund für diese Abweichungen ist zwar noch nicht bekannt, aber eines ist vollkommen klar: Die genetische Uhr hat ihren eigenen Rhythmus und lässt sich weder durch den Wechsel von Tag und Nacht und schon gar nicht durch das Zeitmaß unserer Zivilisation beeinflussen.
Welche Bedeutung diese Erkenntnisse für unsere technisierte Welt haben, kann anhand von zwei signifikanten Beispielen veranschaulicht werden. Die fortschreitende Automatisierung der Industrie verlangt Arbeitszeiten rund um die Uhr. Die Schichtarbeit wird jedoch nicht von einer Umstellung der inneren Uhr begleitet, sodass eine zunehmende Anzahl von Erwerbstätigen gegen ihren biologischen Rhythmus lebt. Die internationalen Vernetzungen führen zu deutlich mehr Flügen über viele Zeitzonen hinweg. Der bekannte Jetlag ist die Folge. Der Organismus braucht für eine Stunde Zeitverschiebung einen Tag, um wieder synchron mit dem Tag-Nacht-Wechsel am neuen Ort zu laufen. All dies muss langfris ti

zu chronischen Erkrankungen führen. Schlafstörungen, Energielosigkeit, Verstimmungen bis hin zu schweren Depressionen sind die Folgen. Während der gesunde menschliche Organismus in die kosmischen Rhythmen eingebunden ist, treten bei verschiedensten Erkrankungen Störungen dieser Synchronisation auf. Bei bestimmten Formen von Depression wurden Synchronisationsstörungen der Circadianrhythmik aufgedeckt. Bei Krebserkrankungen konnten Frequenzabweichungen der circadianen Temperatur- rhythmik im erkrankten Gebiet festgestellt werden. Selbst Schlafstörungen sind als Störungen der biologischen Tagesrhythmik zu sehen.