Inkontinenz

Unwillkürlicher Harnverlust ist eine weit verbreitete Krankheit. Der unwillkürliche Stuhlverlust ist seltener, stellt aber für den Betroffenen ebenfalls eine schwere Belastung dar.
Bewegungsfreiheit und Selbständigkeit werden durch ein lnkontinenzleiden (dies ist der Fachausdruck für unwillkürlichen Stuhl- oder Harnverlust) erheblich beeinträchtigt. Das Problem wird aus Schamgefühl und Angst vor Entdeckung verschwiegen, soziale Isolation und Hoffnungslosigkeit können folgen. Der Umgang mit anderen Menschen wird zunehmend gemieden. Frauen sind von lnkontinenz häufiger betroffen als Männer. Sie stellen etwa 80% der Erkrankten. Die Häufigkeit der lnkontinenz nimmt mit dem Alter zu, sie ist jedoch in jedem Alter anzutreffen.
Aufgrund der sehr unterschiedlichen Ursachen für ein lnkontinenzleiden ist es sehr wichtig, sich als Betroffener an einen erfahrenen Arzt zu wenden. Nur hierdurch ist es möglich, die Ursache zu klären und eine gezielte Therapie einzuleiten, denn Inkontinenz ist in vielen Fällen behandelbar.
Nicht jeder Betroffene hat die gleichen Symptome. Die Art der Inkontinenz kann der Arzt manchmal schon durch einfaches Befragen feststellen. In anderen Fällen sind ärztliche Spezialuntersuchungen, z. B. eine urodynamische Messung notwendig. Die richtige Diagnose ist der erste wichtige Schritt bei der Behandlung einer Inkontinenz.
Ungefähr 80% aller Patienten mit Inkontinenz sind von Streß- oder Dranginkontinenz oder einer Kombination aus beiden Inkontinenzformen betroffen.

INkontinenzformen

Wird beim Niesen, herzhaften Lachen oder beim Heben schwerer Gegenstände Urin verloren, so können dies erste Anzeichen für eine sogenannte Belastungs- oder Stressinkontinenz 1. Grades sein. Verliert man auch bei nicht so starker körperlicher Anstrengung, wie z.B. beim Treppensteigen, Gehen oder Aufstehen Urin, dann leidet man höchstwahrscheinlich unter einer Stressinkontinenz 2. Grades. Tritt beim einfachen Liegen, d.h. ohne Bewegung, Urinverlust auf, so spricht man von der Stressinkontinenz 3. Grades.

Stressinkontinenz

Ursache der Stressinkontinenz ist eine erschlaffte Beckenbodenmuskulatur. Der Beckenboden besteht aus Muskeln, welche die darüber befindlichen inneren Organe, wie z.B. Blase, Gebärmutter, Darm usw. stützen. Diese Muskulatur ist mitverantwortlich für die Funktion der Ausgänge wie Harnröhre, Scheide und Enddarm. Wird eine dieser Öffnungen stark geweitet, wie z.B. die Scheide bei einer schweren oder mehreren Geburten, so geschieht es häufig, dass einzelne Muskelfasern reißen oder überdehnt werden. Die Beckenbodenmuskulatur wird schlaff und bedingt eine Störung des Harnröhrenverschlussapparates. Aber nicht nur Mütter, sondern auch Frauen in den Wechseljahren, deren Beckenbodenmuskulatur aufgrund hormoneller Veränderungen an Elastizität verloren hat, leiden oftmals unter Stressinkontinenz. Es trifft auch viele ältere Frauen, selbst wenn sie keine Kinder haben, weil ihr Gewebe im Laufe der Jahre an Spannkraft verliert. Nicht einmal junge Frauen bleiben völlig verschont, da bei manchen das Bindegewebspolster im Becken so schwach ist, dass der Beckenboden trotz seiner Jugend nicht standhält.
Weitere Ursachen für ein Inkontinenzleiden können nachoperative Zustände und Verletzung der Beckenbodenmuskulatur nach Operationen an Blase, Darm, Gebärmutter, Prostata oder auch einfach falsche Ernährung und Übergewicht sein.
Vielen Betroffenen kann geholfen werden. Dies ist sicherlich die wichtigste Aussage und soll Ihnen Mut machen, offen mit Ihrem Arzt über Ihr Leiden zu sprechen.
Als versorgende Maßnahmen sind an dieser Stelle aufsaugende und ableitende Systeme, wie z.B. Windeln, Kondomurinale, etc. zu nennen. Darüber hinaus gibt es einfache mechanische Hilfsmittel, die dazu dienen, die Harnröhre zu verschließen und den Beckenboden zu heben.
All diese Maßnahmen bekämpfen jedoch ausschließlich die Symptome und nicht die Ursachen.
Als einfache therapeutische Maßnahmen kommen z.B. die Beckenbodengymnastik und das Training mit VaginaIkonen in Frage.
Für leichte Formen der Stressinkontinenz stehen einfache Biofeedbacksysteme (Rückmeldesystem über Körperfunktionen) zur Verfügung. Mit Biofeedbacksystemen kann ein aktives und kontrolliertes Beckenbodentraining durchgeführt werden. Bei regelmäßiger Anwendung können die geschwächten Muskelgruppen wieder aufgebaut werden und eine Heilung der Inkontinenz oder eine deutliche Reduzierung des Harnverlustes ermöglicht werden.
In den vergangenen Jahren hat sich die Elektrostimulation wegen ihres Erfolges als die Therapieform gegenüber den vorhergenannten konservativen Behandlungsmethoden durchgesetzt.
Bei der Behandlung der Stressinkontinenz erfüllt die Elektrostimulation zwei Aufgaben: Zum einen kräftigt sie die Beckenbodenmuskulatur, die, wie alle anderen Muskeln auch, trainiert werden kann, zum anderen fördert sie das Bewusstsein für die Beckenbodenmuskulatur. Die Elektrostimulation ist deshalb auch als begleitende Maßnahme zur Beckenbodengymnastik zu empfehlen.
Wenn konservative Verfahren nicht ausreichen, stellen operative Verfahren gute
Aussicht auf Kontinenz. Bekannte Methoden sind TVT, IVS oder TOT.

Dranginkontinenz

Unter Dranginkontinenz versteht man den unwillkürlichen Urinverlust, verbunden mit starkem, teilweise zwanghaftem Harndrang. Im Gegensatz zur Stressinkontinenz ist hierbei der Verschlussmechanismus von Blase und Harnröhre meist voll funktionsfähig. Häufig kommt es zu Austreibbewegungen der Blase, die, im Gegensatz zum Normalfall, willentlich nicht unterdrückt werden können. Eine mögliche Ursache ist die Erkrankung des Nervensystems, welches die Blase versorgt oder die Erkrankung eines übergeordneten Nervensystems.
Dranginkontinenz kann beispielsweise medikamentös behandelt werden. Hierbei treten jedoch häufig unerwünschte Nebenwirkungen auf.
Auch bei der Behandlung der Dranginkontinenz kann die Elektrostimulation angewendet werden. In vielen Fällen ist eine vollständige Heilung, zumindest aber eine deutliche Besserung der Symptome, schon nach kurzer Zeit zu verzeichnen. Die Therapie mit Hilfe der Elektrostimulation kann durch Reizung von Nerven, die im Beckenbodenbereich verlaufen, eine Hemmung der Blasennerven und somit eine Unterdrückung der Austreibbewegungen der Blase bewirken.
Bei ca. 35% aller lnkontinenzleiden handelt es sich um eine gemischte Stress-/ Dranginkontinenz. Hier treffen die zuvor beschriebenen Krankheitsbilder der Streßinkontinenz und der Dranginkontinenz zusammen